
Den 9. Mai haben die Russen immer rot im Kalender stehen. Da wird ausgiebig gefeiert und getrunken, man gratuliert Wildfremden. An diesem Tag zeigt sich das Land von seiner stärksten Seite: Seit den 1950ern paradieren Soldaten am Roten Platz, um sich für den Sieg über Hitler zu feiern. Das gehört zur Nationalerzählung, genauso wie Raketen, Panzer und Atomsprengköpfe vor dem Kreml.
Heuer fällt das Jubiläum aber mehr als bescheiden aus. Wegen der „operativen Lage“ und zur „Minimierung der Gefahr“ werde keine Militärtechnik gezeigt, nur Fußtruppen würden marschieren, ließ der Kreml wissen. Auch wenn man sie nicht konkret benannt hat, sind damit ukrainische Drohnen gemeint: Die legen nicht nur immer wieder russische Ölanlagen lahm, sondern treffen auch regelmäßig die Hauptstadt – erst in der Nacht auf Montag schlug eine Drohne nahe des Zentrums ein.
Nur mehr im Bunker
Für einige Beobachter ist das ein Beleg dafür, dass Putins Position stark geschwächt sei. Mehr noch: Laut CNN und dem russischen Investigativportal iStories soll der Kremlchef sogar einen Putsch aus seinem eigenen Umfeld fürchten. Indizien gebe es viele, heißt es mit Verweis auf einen geleakten Bericht eines „europäischen Geheimdiensts“: Seine persönlichen Mitarbeiter – Köche, Bodyguards, Fotografen – dürften nun nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein, dazu dürften sie nur mehr Handys ohne Internetzugang nutzen. Putin selbst sei nur mehr an ausgewählten, speziell gesicherten Orten unterwegs, er lebe eigentlich vornehmlich in seinen Bunkern, die allesamt seinem Kreml-Büro nachgebaut sind.
Ob da wirklich was dran ist, bezweifeln Beobachter. „Der alternde Putin mag vielleicht eine Attacke durch ukrainischen Drohnen fürchten“, schreibt der britische Geheimdienstexperte und Historiker Mark Galeotti, die verstärkten Sicherheitsmaßnahmen seien nur verständlich. Aber ein direktes Attentat der Ukrainer oder eben einen Coup aus seinem Umfeld? Das sei „unglaubwürdig“. Das russische Sicherheitssystem sei sorgfältig darauf ausgelegt, das Risiko eines Staatsstreichs zu minimieren; militärische und paramilitärische Kräfte bespitzelten einander und hielten sich so in Schach.
Auch, dass in dem Geheimdienstbericht Sergej Schoigu als möglicher Kopf eines Komplotts genannt wird, Putins vor zwei Jahren geschasster Verteidigungsminister und jetzt Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, sei „lächerlich“, so Galeotti. Schoigu hat innerhalb des Militärapparats kaum Verbündete, sein Klüngel wurde degradiert. Dazu hat Putin ihm und seiner Tochter erst kürzlich einen ziemlich gewinnbringenden Job verschafft, die Hebung von Russlands Seltenen Erden.
„Seine Magie ist weg“
Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Putins Strahlkraft tatsächlich schwindet. So unbeliebt wie jetzt war der Kremlchef seit der Mobilisierung 2022 nicht mehr, damals verließen die Russen zu Hunderttausenden das Land. Grund dafür ist diesmal aber keine neue Einberufungswelle, sondern massive Steuererhöhungen wegen der Wirtschaftsflaute und die immer stärker werdenden Repressionen im Land. Beinahe alle sozialen Medien sind mittlerweile gesperrt, seit Jahresbeginn ist auch das mobile Internet in Ballungsräumen gedrosselt und zeitweise ganz weg.
Offiziell will man damit Kiews Drohnen stören, viele Russen vermuten aber eine großräumige Überwachungsstrategie: Nach Chinas Vorbild sollen die Bürger gezwungen werden, nur mehr die staatliche Messenger-App Max zu verwenden – da kann der Kreml uneingeschränkt mitlesen.
Putin habe die eigene Sicherheit gegen die Freiheit seiner Bürger getauscht, schreibt Carnegie-Experte Alexandr Baunow dazu. Das habe Ähnlichkeit mit den autoritären …read more
Source:: Kurier.at – Politik



