
Ein neuer „Eiserner Vorhang“ könnte Europa künftig von Russland trennen, allerdings Hunderte Kilometer weiter östlich als zu Zeiten des Kalten Krieges. Für Österreich hätte das weitreichende sicherheitspolitische und wirtschaftliche Folgen. Der KURIER sprach mit der geopolitischen Strategin Velina Tchakarova, Gründerin des Beratungsunternehmens FACE und ehemalige Direktorin des Austrian Institute for European and Security Policy (AIES), darüber, wie Europas neue Verteidigungslinie aussehen könnte, warum sie die Kriege in der Ukraine und im Iran als Teil desselben globalen Systemkonflikts betrachtet und weshalb sich nach den Sommeroffensiven ein Zeitfenster für Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine öffnen könnte. Auch für Präsident Wolodimir Selenskij steht dabei viel auf dem Spiel: Ob er einen Waffenstillstand politisch überleben würde, hält Tchakarova für offen.
KURIER: Wie schätzen Sie die geopolitische Entwicklung des Krieges in der Ukraine in den kommenden zwei bis fünf Jahren ein?
Velina Tchakarova: Wir befinden uns in einem neuen Kalten Krieg zwischen dem amerikanisch geführten Block und dem „DragonBear“-Block aus China und Russland. Die Ukraine ist der erste Stellvertreterkrieg dieser Konfrontation, der Krieg im Iran seit 2026 der zweite.
China ist dabei der systemische Unterstützer Russlands, könnte aber zugleich eine politische Vereinbarung für die Ukraine gemeinsam mit den USA und Russland koordinieren. Das wird wahrscheinlicher, wenn die Folgen des Iran-Krieges für Welthandel und Weltwirtschaft gravierend werden. Dann hätten die Großmächte ein Interesse daran, zumindest einen der heißen Konflikte zu deckeln.
Russland gerät gleichzeitig wirtschaftlich unter Druck. Die Ukraine kann inzwischen kritische Infrastruktur bis zu 2.500 Kilometer tief in Russland angreifen. Die Ukraine selbst ist wiederum durch russische ballistische Raketen verwundbar und verfügt noch nicht über ausreichende Abwehrmöglichkeiten. Nach dem Abklingen der Sommeroffensiven sehe ich deshalb ein mögliches Zeitfenster für Gespräche zwischen Russland und der Ukraine unter amerikanischer Führung.
Sie nennen den Iran-Krieg den zweiten Stellvertreterkrieg des neuen Kalten Krieges. Woran zeigt sich dort konkret die Konfrontation zwischen dem US-geführten und dem chinesisch-russischen Block?
Der Iran-Krieg ist nach der Ukraine der zweite große indirekte Konfliktraum. Diesmal tragen die USA und ihr Bündnisnetz, etwa Israel, die offene militärische Last. China und Russland stützen Iran politisch, diplomatisch, technologisch, wirtschaftlich und nachrichtendienstlich, ohne selbst offen in den Krieg einzutreten.
Ein ähnliches Muster sehen wir in der Ukraine. China liefert Russland keine Raketen, aber entscheidende Komponenten für seine Rüstungsindustrie: von Werkzeugmaschinen und Mikroprozessoren bis zu kritischer Elektronik. Peking kann deshalb Neutralität für sich reklamieren und trägt gleichzeitig wesentlich dazu bei, Russlands Kriegsproduktion aufrechtzuerhalten.
Ukraine und Iran sind in meinem Konzept des neuen Kalten Krieges deshalb zwei Belastungsachsen desselben globalen Systemkonflikts. Sie binden amerikanische Aufmerksamkeit, Munition, Luftverteidigung und Kapital. Gleichzeitig versucht China, einen direkten Großmachtkrieg zu vermeiden und seinen strategischen Handlungsspielraum im Indopazifik auszubauen.
Wie könnte eine politische Vereinbarung aussehen?
Am wahrscheinlichsten ist kein Friedensvertrag, sondern ein Waffenstillstand nach koreanischem Vorbild. Der Krieg würde eingefroren, der Konflikt aber nicht gelöst. Russland wird seine langfristigen Ziele gegenüber der Ukraine deshalb nicht aufgeben und weiter versuchen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einfluss auszuüben. Gleichzeitig wird die Ukraine ihre europäische und indirekt atlantische Integration vorantreiben.
Könnte Präsident Wolodimir Selenskij einen solchen Waffenstillstand politisch überleben?
Das ist eine der größten Unsicherheiten. Selenskij ist ein Kriegspräsident. Ob er …read more
Source:: Kurier.at – Politik



