Referendum: Island entscheidet heute über seinen EU-Kurs

Politik

Wer vom Flughafen Keflavík in die isländische Hauptstadt Reykjavík fährt, kommt an Bauernhöfen vorbei – und an Siloballen, auf denen in großen Lettern „EU: Nein danke“, steht. Das Referendum, das heute auf der Insel im Nordatlantik stattfindet, spaltet das Land. Vor allem die starken Landwirtschafts- und Fischereisektoren lehnen Gespräche mit Brüssel ab.

Die Wahllokale sind heute bis 22 Uhr Ortszeit geöffnet. Ein äußerst knappes Ergebnis wird erwartet. Einer aktuellen Umfrage zufolge befürworten 51,3 Prozent der Befragten die Wiederaufnahme von Verhandlungen.

Sicherheitsdebatte ging unter

Im Wahlkampf der Ja-Seite ging es vor allem um mögliche wirtschaftliche Vorteile eines Beitritts zur Europäischen Union: um die volatile isländische Krone, die dem Euro weichen könnte, um die hohen Lebenshaltungskosten, Zinsen und Inflation. Es sind auch jene Themen, die Befürworter auf den Straßen Reykjavíks fast immer als Erstes ansprechen. Ein Thema spielte in den letzten Wochen hingegen überraschend wenig Rolle: die Sicherheit des Eilands.

„Das Thema war nicht so groß, wie ich gedacht hätte. In Belgien, wo ich auch arbeite, nehme ich diese Debatte viel stärker wahr“, sagt Petúr, der in einem Kaffeehaus in der Hauptstadt sitzt. „Dort sprechen die Menschen über existenzielle Bedrohungen durch Russland oder über die Zölle der USA.“ In Island würden diese Fragen zwar in politischen Kreisen diskutiert, sagt er. „Aber in der breiten Bevölkerung nicht wirklich.“

Weit entfernt von Kriegen

Island liegt weit draußen im Nordatlantik – und viele Isländer fühlen sich traditionell weit entfernt von den vielen Kriegen und Konflikten der Welt. Kurzzeitig änderte sich das, als US-Präsident Donald Trump im Frühjahr begann, über eine mögliche Übernahme des benachbarten Grönland zu sprechen. „Das hat man hier mit großer Nervosität wahrgenommen“, sagt der Politologe Maximilian Conrad. Inzwischen sei diese Angst aber wieder abgeflaut.

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Dass die Ja-Seite das Sicherheitsthema nicht direkter im Wahlkampf aufgegriffen hat, könnte strategische Gründe haben, sagt er: „Von der Nein-Seite wird oft und laut darüber spekuliert, dass, wenn wir der EU beitreten würden, unsere jungen Menschen in ein europäisches Heer eingezogen würden und europäische Kriege kämpfen müssten.“ Dafür gebe es aber keine Grundlage.

Tatsächlich ist das 400.000-Einwohner-Land zwar NATO-Gründungsmitglied, besitzt aber als einziges Mitgliedsland keine eigene Armee. Die Isländer sind stolz auf ihre pazifistische Tradition und haben sich jahrzehntelang vor allem auf Washington verlassen, mit dem ein bilaterales Verteidigungsabkommen besteht.

Dabei sei das strategisch günstig gelegene Eiland längst Angriffen ausgesetzt, wie Magnús Árni Magnússon, Vorsitzender der Europäischen Bewegung Island, gegenüber dem KURIER betont: „Nicht militärischen, sondern Cyberangriffen.“ Island müsse sich gegen russische Bots und Angriffe auf seine Infrastruktur wehren. Die Europäische Union sei in dieser Hinsicht ein sehr starker Verbündeter, sagt er. „Viel stärker als die NATO oder die USA, wenn es um diese Art von Sicherheit geht.“

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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