
Wofür lohnt es sich, zu leben, und welche Entscheidungen das Leben betreffend liegen überhaupt in unserer Hand? Sind Entscheidungen denn nicht vielmehr, wie es an einer Stelle von „Mio oder die Unsterblichkeit“ heißt, ein „Mythos“, nichts anderes als „schicksalseskapistische Camouflage“?
Der neue Roman des Schriftstellers und Jugendpsychiaters Paulus Hochgatterer erzählt von einem Sechzehnjährigen, der an einer schweren, unheilbaren Krankheit leidet und sich zunächst weigert, ein lebensverlängerndes Medikament zu nehmen. Dass Ingemar ausgerechnet wie ein berühmter Skifahrer heißt, ist natürlich so etwas wie ein Treppenwitz. Denn Ingemar kann nicht nur nicht Ski fahren, er kann sich überhaupt nicht bewegen. Er hat spinale Muskelatrophie, eine seltene, genetisch bedingte neurologische Erkrankung, bei der motorische Nervenzellen langsam zugrunde gehen. Ingemar sitzt im Rollstuhl, nennt sich selbst „Krüppel“. Zynismus pur könnte man das nennen. Oder auch eine „typische Teenagerangelegenheit“, wie Paulus Hochgatterer im KURIER-Gespräch über seinen Roman meint.
Ein Gespräch, in dem es außerdem um seine Katzen, seine Karriere und nicht zuletzt um Leben und Sterben als solches geht.
KURIER: Neben Ihrem Hauptdarsteller Ingemar spielt eine Katze namens Mio eine tragende Rolle in Ihrem neuen Roman. Woher kommt sie?
Paulus Hochgatterer: Das ist einfach. Ich habe selbst zwei Katzen, eine davon heißt Mio.
Was genau ist die Funktion einer Katze in dieser Geschichte über einen schwer körperbehinderten jungen Menschen?
Die Katze ist in erster Linie die Inkarnation des Körperlichen. Es geht in meinem Roman ja ganz zentral um die Frage „Wie gehe ich mit dem Körper um?“. Die Katze ist ein Symbol für die körperliche Ebene, auf der wir uns selbst und den anderen begegnen. Für die Katze gibt es keine andere Ebene.
Kennen Sie Fälle wie jenen Ihres Protagonisten aus Ihrer Arbeit als Kinder- und Jugendpsychiater?
Ich habe Kinder wie Ingemar in meiner Arbeit kennengelernt. Ich kenne sie auch indirekt, etwa aus Erzählungen von Freunden, die Kinder oder Enkelkinder mit solchen Behinderungen haben. Aber mein Protagonist hat kein direktes Vorbild. Dieser Roman ist keine abgeschriebene Krankengeschichte. Ingemar steht vielmehr exemplarisch für all die Kinder und Jugendlichen mit mehr oder weniger schweren Behinderungen in der Alltagsbewältigung, die ich im Laufe meiner Berufstätigkeit kennengelernt habe.
Ingemar ist ein eloquenter, äußerst kluger junger Mensch, der es nicht zu schätzen scheint, wenn man ihn mit Samthandschuhen anfasst. Er ist jemand, der stellenweise sehr hart mit sich und der Umwelt umzugehen scheint. Ist das so etwas wie eine Bewältigungsstrategie?
Zuerst einmal ist Ingemar ein 16-Jähriger, wie 16-Jährige meist sind. Natürlich gibt es auch die vor allem kultivierten, sanften, vorsichtigen 16-Jährigen, aber üblicherweise sind 16-Jährige eher ruppig und widerständig. Sie sagen in erster Linie Nein zu den Dingen, die ihnen von den Eltern vorgeschlagen werden, und genauso ist es mit Ingemar.
Auch die Menschen, die ihn begleiten, also allen voran sein Pfleger, fassen ihn nicht immer mit Samthandschuhen an.
Er hat das Glück, dass er zwei junge Männer an seiner Seite hat, seinen persönlichen Assistenten und seinen Physiotherapeuten. Die beiden mögen ihn, und er hat mit ihnen eine Kommunikationsform gefunden, die allen dreien sehr entspricht – das Raue, Ruppige, Direkte. Eine Umgangsform, die möglichst jede Beschönigung vermeidet.
Der Roman ist benannt nach einem …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



