
An Amazon führe kein Weg vorbei, sagt Roman Gagloev. Der in Florida lebende, aus Moskau stammende Unternehmer verkauft Leinwände für Projektoren und setzt damit auf dem US-Marktplatz des Onlinehandelsriesen jährlich einen siebenstelligen Betrag um. Jetzt überlegt er, weltweit zu expandieren und ist deshalb nach Seattle gekommen.
In der Stadt an der US-Westküste, in der Amazon auch sein Hauptquartier hat, findet alljährlich die Amazon-Händler-Konferenz Accelerate statt. 5.000 „Seller“ tummeln sich hier auf fünf Stockwerken im Seattle Conference Center und werden an Ständen, in Workshops und bei Vorträgen auf neue technische Möglichkeiten auf dem weltgrößten Online-Marktplatz eingeschworen. Externe Händler und Drittanbieter sind immerhin für 60 Prozent der Verkäufe auf Amazons Marktplatz verantwortlich. Heuer dreht sich fast alles um Künstliche Intelligenz (KI).
„Als ChatGPT auf den Markt kam, war uns klar, dass dies eine Chance ist, die Art und Weise, wie auf Amazon verkauft wird, grundlegend zu verändern“, sagt Chris Jones, der bei Amazon für KI-Anwendungen zuständig ist. Eine davon ist der Seller-Assistant. Ein Tool, das Händler auf dem Amazon-Marktplatz nicht nur unterstützen soll. Er wurde in den vergangenen Jahren vom Chatbot, der einfache Fragen beantwortet, zu einem eigenständig agierenden Netzwerk aus KI-Agenten ausgebaut.
„Team von Experten“
Jones spricht von einem „Team von Experten“, das den Händlerinnen und Händlern auf dem Marktplatz zur Verfügung stehe. Die KI kümmere sich kontinuierlich um die Präsentation der Produkte und die Verkäufe und könne auch autonom arbeiten.
Sie erstellt Inhalte, übersetzt sie in mehrere Sprachen, analysiert Verkaufsdaten und Trends und gibt Tipps, wie der Absatz gesteigert werden kann. Sie macht auch darauf aufmerksam, wenn sich der Lagerbestand dem Ende zuneigt und Waren nachbestellt werden müssen. Inwieweit den KI-Agenten freie Hand gelassen werde, liege im Ermessen der Händler, sagt Jones: „In 90 Prozent der Fälle stimmen sie den Empfehlungen zu.“
Weil auch Konsumenten zunehmend solche agentische KI einsetzen, die für sie nach vorgegebenen Kriterien Produkte online suchen und auch selbstständig kaufen, ist es absehbar, dass schon bald KI-Agenten in vielen Fällen nur noch an KI-Agenten Produkte verkaufen. Den Menschen bleibt dann bestenfalls noch, sie zu konsumieren.
Lukratives Werbegeschäft
Das könnte auch Auswirkungen auf Amazons Geschäft haben. Denn der Online-Handelsprimus macht immerhin rund 10 Prozent seines Jahresumsatzes mit Werbung auf seinem Marktplatz. Sie wird von Händlern geschaltet, um aus der Menge an Angeboten hervorzustechen.
Ohne Werbung sei es kaum möglich, unter den vielen Angeboten wahrgenommen zu werden, sagen praktisch alle Händlerinnen und Händler, die man darauf anspricht. Vor allem, wenn man neue Produkte einführe, seien Anzeigen unabdingbar, heißt es.
Seien Produkte bereits etabliert, könne auch mit guten Nutzerrezensionen und einer guten Preispolitik einiges erreicht werden. Auch weil sie dann in den Amazon-Suchergebnissen weiter oben gereiht werden. „Um einmal von Platz 100, wo kein Mensch jemals nachschaut, unter die ersten 10 zu kommen, muss man halt ein bisschen antauchen“, sagt ein Händler zum KURIER.
In Österreich liegt Amazon bei den an internationale Plattformen fließenden Werbeeinnahmen nach Google und Meta auf Rang drei. Eine Studie von iab Austria prognostiziert dem Konzern hierzulande für heuer Einnahmen von rund 125 Mio. Euro. Weltweit betrug der Werbeumsatz des Konzerns im vergangenen Jahr fast 69 Mrd. …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



