
Um kurz nach 20 Uhr am Freitagabend holen die Cariocas die Kochtöpfe aus dem Kasten. Im Fernsehen hat gerade das große Wahl-Interview mit dem rechtsgerichteten Präsidentschaftskandidaten Flavio Bolsonaro (49) begonnen. Nun hallen wütende Rufe durch die Straßenschluchten des Ortsteils Copacabana in Rio de Janeiro. „Bolsonaro weg“, rufen die Menschen und schlagen zum Protest zu Tausenden mit dem Löffel auf die Kochtöpfe. Hier im reichen, weißen, links-urbanen Milieu ist Amtsinhaber Luiz Inacio Lula da Silva (80) populärer als draußen in den afrobrasilianisch geprägten Armenvierteln der Olympia-Metropole. Hier tragen sie „Freiheit für Palästina“-Fahnen und „Fuck USA“-Aufkleber.
Die Szene offenbart, dass vor der Stichwahl am Sonntag das Lager des linksgerichteten Amtsinhabers aus der Schockstarre erwacht ist. Im ersten Durchgang Anfang Oktober musste die brasilianische Linke bei den Wahlen zum Senat und der Kammer eine herbe Niederlage einstecken. Dass dann auch noch Flavio Bolsonaro (47 Prozent) entgegen allen Umfragen im ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen knapp vor Lula da Silva (45 Prozent) lag, machte den politischen Albtraum für die Linke perfekt.
Doch darin liegt nun paradoxerweise die Chance für Lula da Silva. Denn eigentlich sind die Brasilianer eher Konsens gewohnt. Zwei stramm rechte Kammern, dazu ein ebenso stramm rechter Präsident, das ist jenen Wechselwählern, die taktisch abstimmen und sich keinem Lager zuordnen lassen wollen, vielleicht zu viel. So zumindest hofft es die brasilianische Linke. Millimeterweise holte Lula zuletzt auf, erste Umfragen sehen beide inzwischen sogar gleichauf.
Zudem löste das Ergebnis auch eine enorme Mobilisierung aus. Im ganzen Land organisierte das linke Lager nun „Pro-Lula-Demonstrationen“ zur „Verteidigung der Demokratie“. In Sao Paulo strömten Zehntausende auf die Avenida Paulista. In Rio de Janeiro verwandelten ebenfalls Tausende Lula-Anhänger erst das Stadtzentrum und dann die Copacabana in rote Meilen. Künstler organisieren Konzerte, Prominente stellen sich hinter Lula.
„Wir sind sehr besorgt, wir sind sehr nervös, weil wir nicht wissen, wie es ausgehen wird“, sagt Lula-Anhängerin Gabriela Borba (33) im Gespräch mit dem KURIER. Sie gehört zu denen, die auf der Straße für Lula demonstrieren. „Ich hoffe, dass Lula gewinnt, denn er gewährleistet die Rechte aller Minderheiten und verteilt die Mittel an alle Menschen und nicht nur an eine bestimmte Gruppe. Mein Anliegen sind die Frauenrechte. Wir sind eines der Länder mit der höchsten Zahl an Frauenmorden, und die derzeitige Regierung setzt sich aktiv dafür ein, dass dies bekämpft wird.“
Leiden an der hohen Alltagskriminalität
Lula hat seine Taktik geändert. Er weiß, dass er die Stimmen der linksgerichteten Brasilianer ohnehin in der Tasche hat. Entschieden wird aber die Wahl in der Mitte. Die Menschen leiden unter den hohen Lebensmittelpreisen. Nudeln, Reis, Bohnen und Fleisch sind deutlich teurer geworden. Und das in einem Land, das eines der größten Agrar-Produzenten der Welt ist und dessen Agrar-Konzerne Milliardengewinne einfahren. Und die Menschen leiden unter einer enormen Alltagskriminalität.
Das brasilianische Jahrbuch für öffentliche Sicherheit hat im vergangenen Jahr über 830.890 geraubte Mobiltelefone gezählt. Das sind 2.276 jeden Tag. Oft sind diese Überfälle mit traumatischen Erfahrungen verbunden, weil sie mit Waffengewalt erzwungen werden. In der Vergangenheit äußerte sich Lula da Silva bisweilen verständnisvoll über die Jugendgangs aus den armen Favelas. Sie seien …read more
Source:: Kurier.at – Politik



