
In Greiz, einer Kleinstadt im ostdeutschen Thüringen, wird die 16-jährige Lea für eine Gesangs-Castingshow ausgewählt. „Was ist das Besondere an dir?“, fragt der TV-Moderator die verblüffte Teenagerin. Die bleibt lakonisch: „Nichts.“
Das ist natürlich die falsche Antwort. Wer im Fernsehen etwas hermachen will, kümmert sich besser um eine funkelnde Homestory. Doch Lea ist am Polieren von Fassaden nicht interessiert. Ihre Eltern leben getrennt, ihre Mutter Rieke ist von ihrem neuen Freund schwanger, der Vater Matze ist ihr peinlich. Ihr jugendlicher Selbstfindungsprozess findet vor dem Hintergrund prekärer finanzieller Verhältnisse statt, in denen der Familienbetrieb der Großeltern vor dem Aus steht.
„Etwas ganz Besonderes“ (derzeit im Kino) ist – nach „Alles ist gut“ und „Ivo“ – der dritte Spielfilm der deutschen Regisseurin Eva Trobisch. Sie nutzt den Anlass der Castingshow, um tiefer in die Verzweigungen einer ostdeutschen Patchwork-Familie einzudringen.
„Ich glaube, ich habe eine Schwäche für Castingshows, obwohl ich dieses Format schrecklich finde“, gibt Eva Trobisch im KURIER-Gespräch zu: „Aber dieser erste Moment, wo man die Teilnehmer kennenlernt, wo jemand, der privat ist, von der Unsichtbarkeit zur Sichtbarkeit kommt – das rührt mich immer wieder.“
Geboren 1983 in Ost-Berlin, ist Trobisch mit ihrer ostdeutschen Herkunft tief verwurzelt: „Ich weiß aus persönlichen Gründen, dass in einer ostdeutschen Familie Themen wie Gesehen-werden und die Anerkennung der Lebensleistungen sehr präsent sind“, so die Filmemacherin: „Ich fand es interessant, Menschen, die in Ostdeutschland sozialistisch sozialisiert wurden, mit einem total individualistischen Moment wie einer Castingshow zu kombinieren.“
Tatsächlich nimmt Trobisch keineswegs nur die Selbstfindung ihrer Teenagerin ins Visier, sondern entwirft ein komplexes Familienporträt über drei Generationen – bis hin zu den meckernden Großeltern: „Die Familie ist die Hauptfigur. Die DNA meines Films ist das Multiperspektivische“, sagt Trobisch: „Bei allen Figuren geht es ums Ringen nach Sichtbarkeit. Von den anderen gesehen und wahrgenommen zu werden für das, was man ist und getan hat, das verbindet alle.“
Mauerfall
Eine der vielen Perspektiven nimmt Leas Tante Kati ein. Sie leitet in Greiz ein Museum, das aus EU-Töpfen saniert wird, während die Pension der Familie zeitgleich ums wirtschaftliche Überleben kämpft. Zum Unmut mancher Einwohner erzählt eine Ausstellung die Geschichte des Schlosses – von der feudalen Vergangenheit über die DDR-Zeiten bis in die Gegenwart. Doch wer hat das Recht, DDR-Geschichte zu erzählen?
„Wenn man in Westdeutschland Leute fragt, was sie am Tag des Mauerfalls gemacht haben, wissen sie es zum Teil nicht. Aber für die Ostdeutschen hat sich an diesem Tag einfach ihr gesamtes Leben geändert.“ Dass manche Menschen das Land, in dem sie jahrelang gelebt haben, auch verteidigen, obwohl dort viel schiefgelaufen ist, kann Trobisch verstehen: „ Wenn man sich mit einem Land identifiziert hat, das dann später als schrecklicher Ort nur abgewatscht wird, ist es psychologisch ganz natürlich, eine Verteidigung zu entwickeln. Wer darf erzählen? Was erzählt man und wie? Das ist ein durchgehendes Thema bei allen Figuren.“
Besonders schwierig war für Trobisch die Suche nach der Besetzung von Matze, Leas Vater: „Aus soziologischer Sicht sind die ostdeutschen Männer die großen Wendeverlierer. Sie gelten beruflich als wenig weltgewandt und als unsexy auf dem Heiratsmarkt“, erläutert Eva Trobisch: „Und dann …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



