Drei-Finger-Gruß: Wie Serbiens Studenten ein umstrittenes Symbol neu deuten

Politik

„Die massenhafte Verbreitung des Drei-Finger-Grußes setzte insbesondere ein, nachdem bekannt wurde, dass die Studentenliste bei den Wahlen die Nummer 3 erhalten würde“, erklärt Blokada Beč (Blockade Wien), eine Initiative der serbischen Diaspora, die sich aus Solidarität mit den Protesten in Serbien formiert hat, gegenüber dem KURIER.

Daumen, Zeige- und Mittelfinger nach oben, Ringfinger und kleiner Finger gebeugt – voilà: Das ist der serbische Drei-Finger-Gruß. Seit vergangenem Sonntag, als die Studentenliste gegen Aleksandar Vučić einen Wahlsieg errang, ist die Geste in Serbien häufig zu sehen. Sie soll auf den dritten Listenplatz anspielen, unter dem die breit aufgestellte Studentenliste kandidierte.

Der Gruß mit den drei Fingern ist hierzulande als „Kühnen-Gruß“ bekannt. Die Geste gilt als Abwandlung des Hitlergrußes und ist nach dem deutschen Neonazi-Führer Michael Kühnen benannt, der in den 1990er-Jahren starb. 2007 geriet der damalige FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in die Schlagzeilen, als alte Fotos auftauchten, auf denen er den Gruß scheinbar ausführte. Strache wies die Vorwürfe zurück und erklärte damals, er habe lediglich „drei Bier“ bestellen wollen. Kürzlich sorgte der Tiroler FPÖ-Ersatzgemeinderat Mario Fauster für Aufsehen, als er ebenfalls das Handzeichen mit den drei Fingern zeigte. Laut FPÖ soll es sich dabei um eine „völlig gewöhnliche Schwurhand“ handeln.

Die Bedeutung des serbischen Grußes ist komplex. Jahrelang galt er als eines der bekanntesten Symbole serbischer Nationalidentität. Ursprünglich hatte er einen religiösen Hintergrund, ehe sich seine Bedeutung in den 1990er-Jahren wandelte.

Vuk Drašković, Gründer der nationalistisch-monarchistischen Serbischen Erneuerungsbewegung (SPO), zeigte die drei Finger erstmals im Jänner 1990. Inspiriert wurde er vom Gemälde „Aufstand in Takovo“, das Miloš Obrenović, den Anführer des serbischen Aufstands gegen das Osmanische Reich im Jahr 1815, mit drei erhobenen Fingern zeigt.

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Während der Jugoslawienkriege erhielt die Geste eine weitere politische Dimension. Nach dem Zerfall Jugoslawiens diente sie vielen Serben als Ausdruck nationaler Identität. Auch andere Kriegsparteien sowie serbische militärische Einheiten und paramilitärische Gruppen, darunter die Tschetniks, verwendeten das Handzeichen in den 1990er-Jahren. Das Symbol ist daher historisch nationalistisch belastet.

Ein Zeichen für Demokratie und Freiheit?

Warum bedient sich ausgerechnet eine studentische Protestbewegung, die sich gegen die seit 2012 regierende politische Kraft von Langzeitstaatschef Vučić stellt, eines solchen Symbols?

Die Initiative Blockade Wien sieht darin keine bloße Fortsetzung der Symbolik der 1990er-Jahre. „Dass sich die Verwendung innerhalb weniger Tage so deutlich verbreitete und zu einem sichtbaren Zeichen der Protestbewegung entwickelte, spricht dafür, dass es sich nicht einfach um eine Fortsetzung der Symbolik der 1990er-Jahre handelt“, erklärt sie.

Vielmehr zeige die Entwicklung, wie ein „historisch belastetes Symbol in einem neuen politischen Kontext bewusst aufgegriffen und mit einer anderen Bedeutung versehen werden kann“. Die drei Finger wurden zum Aufruf zu vorgezogenen Wahlen, zum Zeichen gegenseitiger Anerkennung und zu einem Hype in den sozialen Medien.

„Die Studierenden protestieren gegen das Regime von Aleksandar Vučić, dessen politische Wurzeln in den 1990er-Jahren liegen. Ihr Kampf richtet sich damit auch gegen die politischen Kontinuitäten dieser Zeit sowie gegen ein autoritäres Verständnis von Politik und Patriotismus“, erklärt Blockade Wien.

Ziel sei es, dem Drei-Finger-Gruß eine neue Bedeutung zu geben: Freiheit, Demokratie und einen Patriotismus, der sich nicht über Nationalismus oder die Abwertung anderer definiert.

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Source:: Kurier.at – Politik

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