Hunger als Kriegswaffe: „In der Welt herrscht eine gewisse Gleichgültigkeit“

Politik

„Das Ausmaß von Hungersnöten, das wir heute sehen, ist weitaus größer als das, was vor 15 oder 20 Jahren noch hingenommen worden wäre“, sagt der Ostafrika-Experte Alex de Waal, er war unlängst in Wien zu Gast im Bruno-Kreisky-Forum. Der Brite war als Berater der Afrikanischen Union bei der Teilung des Sudans und Südsudans involviert und berät regelmäßig UN-Gremien.

KURIER: Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Hunger als Kriegswaffe. Was bereitet Ihnen angesichts der globalen Lage gerade die größte Sorge?

Alex de Waal: Bis vor gut zehn Jahren hatte ich guten Grund zu glauben, das Problem von Hungersnöten würde noch zu meiner Lebzeit gelöst werden. Doch in den 2010er-Jahren tauchte der Hunger als Kriegswaffe wieder auf.

Bestes Beispiel ist der Jemen, wo beide Seiten, insbesondere aber die Koalition aus Saudis und Emiratis, die Verweigerung von Nahrungsmitteln als wichtiges Mittel einsetzten. In Syrien verfolgte die Regierung von Bashar al-Assad die Strategie: kapitulieren oder verhungern. Sie belagerte Städte wie Aleppo und Ost-Ghouta. Im Norden Nigerias sahen wir, wie die Regierung gegen Boko Haram kämpfte und dabei Hunger einsetzte, und Boko Haram ebenfalls alles zerstörte, was zum Überleben notwendig war.

Die internationale Gesellschaft hat darauf 2018 mit der Resolution 2417 des UN-Sicherheitsrats reagiert.

Ja, sie besagt, dass Hunger als Kriegswaffe ein Kriegsverbrechen darstellt. Und dass der UN–Sicherheitsrat in einem solchen Fall informiert werden und Maßnahmen ergreifen muss. Der Zweck, Hunger als Waffe einzusetzen, besteht nicht so sehr darin, Menschen zu töten. Mit Hunger bringt man Menschen dazu, eine Gesellschaft zu zerstören. Es ist eine sehr erniedrigende, entmenschlichende Erfahrung für eine Mutter, wenn sie ihren Kindern nichts zu essen geben kann.

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Zum Beispiel im Gazastreifen? Dort musste das WFP seine Hilfe um ein Drittel kürzen, 500.000 Menschen gehen nun leer aus.

Wir sehen, dass Israel im Gazastreifen ganz offensichtlich Hunger als Mittel einsetzt. Israel hat von Beginn an angekündigt, Gaza vollständig zu blockieren. In den letzten Jahren wurden Grenzen überschritten, vor allem die USA ließen Israel dabei deutlich mehr Spielraum als früher. Erst als die UN im August 2025 offiziell eine Hungersnot ausriefen, ließ Israel Hilfe zu. Die Welt hat ihre Sensibilität für das Thema Hunger verloren, es herrscht eine gewisse Gleichgültigkeit. Das Ausmaß von Hungersnöten, das wir heute sehen, ist weitaus größer als das, was vor 15 oder 20 Jahren noch hingenommen worden wäre.

Immer mehr Akteure kommen damit davon, etwa Äthiopien (der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed hat 2019 noch den Friedensnobelpreis für die Aussöhnung mit Eritrea bekommen, Anm.). Die Regierung zerstörte im Krieg zwischen 2020 und 2022 bewusst die Lebensgrundlagen in Tigray. Felder wurden vernichtet, Obstplantagen abgeholzt, medizinische Einrichtungen und Wasserversorgungsanlagen zerstört. Die Region erlebte wegen der Blockade von Hilfslieferungen eine Hungersnot. Und damit kam die Regierung durch.

War die globale Toleranz gegenüber der Regierung in Äthiopien auch der Grund, warum es jetzt wieder zu Kämpfen kam?

Das Abkommen, das im November 2022 in Pretoria unterzeichnet wurde, wurde nie vollständig umgesetzt. Hauptverantwortlich dafür ist die äthiopische Regierung. Aber auch die Anführer der Rebellen von Tigray, die TPLF, interessierten sich mehr für ihre politische Zukunft und den Goldschmuggel als für den Wiederaufbau …read more

Source:: Kurier.at – Politik

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