Frankreich: Warum die Krawalle historische Wurzeln haben

Politik

Am 5. Oktober 1789 lassen die Marktweiber Paris hinter sich. Sechs Stunden Fußmarsch liegen vor ihnen. Manche tragen Kinder, andere Waffen. Es regnet, die Straßen sind schlammig. Brot ist knapp, die Wut auf den König groß. Tausende schließen sich an. Am nächsten Tag muss Ludwig XVI. mit seiner Familie nach Paris übersiedeln. Der König beugt sich dem Druck der Straße – einer der entscheidenden Wendepunkte der Französischen Revolution.

Im Oktober 2026 flammen erneut Proteste auf: Was mit Schülerdemos wegen schlechter Unterrichtsbedingungen begann, weitete sich zu gewalttätigen Krawallen aus. Was uns zur Frage bringt, warum die Franzosen so häufig auf die Straße gehen – gehört Protestkultur gar zu ihrer politischen DNA?

„Es gibt tatsächlich ein Erbe der Revolution von 1789, und seither ist die Bereitschaft vorhanden, sich als Vollstrecker einer unabgeschlossenen Revolution zu stilisieren“, analysiert Franz Fillafer, Historiker und Politikwissenschafter an der Akademie der Wissenschaften. Damals erkämpfte das Volk den Anspruch, selbst über seine politische Ordnung zu bestimmen. Doch die Freiheit galt längst nicht für alle. Die Schriftstellerin Olympe de Gouges forderte 1791 auch für Frauen politische Gleichheit: „Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen; sie muss ebenso das Recht haben, die Rednertribüne zu besteigen.“

Unerfüllte Versprechen

Frauen starben damals für ihre Überzeugungen (de Gouges wurde 1793 guillotiniert), sollten aber nicht gleichberechtigt politisch mitreden? Die Revolution verkündete universelle Rechte, doch das Versprechen blieb unerfüllt.

Die revolutionäre Gewalt von damals führte in die Militärdiktatur Napoleons. Der Erste Konsul zentralisierte den Staat. 1800 schuf er die Präfekturen: Von Paris aus ernannte Staatsvertreter sollten die Regierungspolitik im ganzen Land durchsetzen – ein System, das Frankreich bis heute prägt. Wem die Entscheidungen von oben nicht passten, der nutzte die Straße als Ort politischer Machtproben. 1830 stürzte eine Revolution König Karl X., 1848 fiel die Monarchie erneut.

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Schockmomente

„Die französische Revolutionstradition gibt es – als Idee des Barrikadenkampfes“, sagt auch der Historiker Hannes Leidinger. Aber: „Spätestens durch die Revolution von 1848 und die Kommune 1871 (siehe Grafik oben) mit Tausenden Toten ist die revolutionäre Idee in Misskredit geraten. Das waren Schockmomente.“

Trotzdem wurde in Frankreich weiterhin Druck über die Straße aufgebaut: Im Mai 1968 legten Millionen die Arbeit nieder, man erzwang soziale Zugeständnisse und veränderte die Gesellschaft. Die Gelbwesten wiederum machten 2018 deutlich, wie schnell sich der Widerstand gegen eine Steuererhöhung zu einem Sturm gegen soziale Ungleichheit und politische Entfremdung ausweiten kann.

Schwache Gewerkschaft

Und das, obwohl in Frankreich nur ungefähr zehn Prozent der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert sind; zugleich erfassen Kollektivvereinbarungen einen sehr großen Teil der Arbeitnehmer. Streiks in strategischen Bereichen können deshalb enorme Wirkung entfalten, ohne dass die Gewerkschaften eine Mitgliedermehrheit stellen müssen. Die Straße ist dabei nicht nur Bühne des Protests, sondern ein Hebel, um Regierung und Wirtschaft zum Verhandeln zu zwingen.

Umdenken

Trotzdem herrscht in Frankreich Entsetzen über die aktuelle Gewaltexplosion. Was uns zurück in die Geschichte bringt: „Ja, die französische Tradition feiert die Revolution“, analysiert Leidinger, „doch die Gewaltexplosionen nach 1848 und 1871 haben dazu geführt, dass es ein massives Umdenken in der französischen Gesellschaft gab. Die Barrikade ist spätestens seit 1871 diskreditiert. Sie kostete zu viele Opfer. Und stellt die Frage, …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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