„Der Friedhof stirbt aus“: Spürbare Folgen einer neuen Bestattungskultur

Wirtschaft

Zuerst sind es die Erdhügel, die ins Auge stechen, die Grünflächen, der „Fleckerlteppich“, wie die Geschäftsführerin der Friedhöfe Wien sagt. Doch auf den zweiten Blick sind es die vielen Sticker, die aus jeder Reihe von den Grabsteinen leuchten und eine eindringliche Botschaft an Hinterbliebene senden. „Benützungsrecht abgelaufen! Dieses Grab steht vor Auflassung und Abtragung“, prangt von den roten Aufklebern. „Wahren Sie Ihr Benützungsrecht! Bitte nehmen Sie mit uns Kontakt auf“, mahnt die orangene Plakette.

Der Friedhof in Wien Jedlesee hat eine lange Geschichte. 1873 wurde er angelegt, nachdem der alte Ortsfriedhof zu klein geworden war. 56.000 Quadratmeter ermöglichen jetzt 8.450 Grabstellen. Gebraucht wird all der Platz im Grunde nicht mehr. Weder in Jedlesee noch anderswo.

Denn das klassische Erdgrab ist auf dem Rückzug. Waren Wiener Friedhöfe vor 30 Jahren noch mit 777.638 Grabstellen ausgelastet, sind es heute auf fast derselben Fläche nur noch die Hälfte. Bestattet werden Verstorbene natürlich trotzdem, in Österreich gilt eine gesetzliche Bestattungspflicht. Doch die Art und Weise hat sich verändert. Das zwingt alle Beteiligten dieses Ökosystems zu handeln.

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Über 500 Hektar Fläche verfügen allein die städtischen Friedhöfe Wien. „Viel zu viel“, sagt Geschäftsführerin Renate Niklas. Sie sieht es als ihre Verantwortung, dem Friedhof wieder Leben einzuhauchen. Auf freien Flächen können Interessierte beispielsweise Obst und Gemüse anbauen. Auf Fitnessgeräten – wie beim „Silent Fit“ in Meidling – kann sich körperlich betätigt werden, wobei die Idee durchaus Kritik erntete. Nur mit Gräbern allein ziehe man längst nicht mehr genug Besucher an. Auch weil sich immer weniger für aufwendige Grabstätten entscheiden.

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In Österreich wird die Erdbestattung (Sarg) zunehmend von der Feuerbestattung (Urne) abgelöst. Bundesweite Zahlen gibt es nicht. Eine Orientierung gibt Georg Haas, Co-Gründer der Bestattung Himmelblau, der seit 14 Jahren in der Branche ist. Anfangs hätten sich noch über 60 Prozent seiner Kunden für eine Erdbestattung entschieden. Heute sind es nur mehr 40 Prozent. „Wobei die Quote immer noch hoch ist im Vergleich zu Westösterreich, wo wir teilweise 90 Prozent Feuerbestattungen haben.“

Was für eine Feuerbestattung sprechen kann? Sie scheint, zumindest auf den ersten Blick, günstiger zu sein (siehe Infokasten oben). Zudem bietet sie aktuell mehr Möglichkeiten, auf neue Bestattungstrends aufzuspringen.

Auf den Friedhöfen Wien habe sich die Anzahl der Naturbestattungen seit 2017 verdoppelt. Naturgrabanlagen werden seit 2008 konsequent erweitert. Bestattungsunternehmen wiederum schließen vermehrt Kooperationen mit Gemeinden und Kirchen, um die Nachfrage zu bedienen. „Man muss wissen, dass Bestatter keine eigenen Friedhöfe betreiben dürfen“, klärt Haas auf. Seit heuer kooperiert beispielsweise Bestattung Himmelblau mit dem Naturfriedhof Rauchkogel des Schottenstifts. Verstorbene können so am Stadtrand Wiens unter Weinreben und Rosenstöcken gebettet werden. „Wir haben sogar zig Urnen aus Deutschland dort bestattet. Es ist fast schon erschreckend, wie gut das ankommt“, sagt Haas.

Insgesamt befänden sich Beisetzungen außerhalb von Friedhöfen aber immer noch im „geringen einstelligen Promillebereich“, ordnet Landesinnungsmeister Martin Dobretsberger ein. Auch preislich sieht er alternative Beisetzungsformen kritisch. Von „kostenschonend“ könnte oft nicht die Rede sein. Das klassische Grab wäre in seinen Augen somit kein Auslaufmodell. Fragt sich nur, wie ein „klassisches Grab“ künftig aussehen soll.

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Source:: Kurier.at – Wirtschaft

      

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