
Wird nicht rasch gegengesteuert, könnte der europäischen Pharmabranche eine Krise wie der Autobranche drohen, warnt Pharmig-Generalsekretär Alexander Herzog. Auch in Österreich werde über Betriebsverlagerungen nachgedacht.
KURIER: Viele warten auf die neue Abnehmpille Wegovy von Novo Nordisk. Sie ist in der EU zugelassen und in einigen Ländern schon erhältlich. Wann ist es in Österreich soweit?
Alexander Herzog: Wir gehen davon aus, dass sie zügig auch bei uns auf den Markt kommen wird. Es hat kein Unternehmen Interesse daran, seine Produkte unnötig zurückzuhalten. Doch es muss auch der Preis stimmen.
Apropos Preis: Es fällt auf, dass neue Medikamente in anderen EU-Ländern rascher auf den Markt kommen als bei uns. Woran liegt das?
Das ist einfach erklärt. Weil die Preis- und Mengenverhandlungen in den EU-Ländern immer noch einzeln, sprich pro Land, stattfinden. Wir könnten uns da schon eine zentrale Preisfestsetzung in der EU vorstellen, aber die Gesundheitspolitik ist nach wie vor stark national fokussiert.
Und in Österreich sind die Preisverhandlungen besonders schwierig?
Es häuft sich leider, dass Unternehmen ihre Produkte nicht in Österreich auf den Markt bringen, weil man sich beim Preis nicht einigen kann. Ob das bei der Abnehmpille der Fall ist, weiß ich allerdings nicht. Aber wenn der Preis nicht stimmt, kommt das Produkt nicht auf den Markt oder es muss vom Markt genommen werden. Das wird häufiger. Pro Monat verlassen an die 20 Präparate den Erstattungskodex, auch deshalb, weil es sich für die Firmen nicht mehr rechnet. Der Preisdruck in Österreich ist enorm hoch, das Preisniveau ist eines der niedrigsten in der EU.
Die Krankenkassen sehen das anders. Laut Heilmittelreport 2026 sind die Ausgaben für Heilmittel seit 2013 um 88 Prozent gestiegen und das Preisniveau liegt um bis zu 134 Prozent über jenem von Schweden. Was sagen Sie dazu?
Die im Heilmittelreport genannten Zahlen sind schlicht und ergreifend falsch. Es wurden beispielsweise nur die Listenpreise angegeben, aber nicht die Rabatte, die wir als Pharmaindustrie als Rückzahlungen gewähren. Das sind inzwischen fast 600 Millionen Euro jährlich. Auch die Rezeptgebühr, die wir alle selbst bezahlen, ist nicht berücksichtigt. Ich hätte mir da schon eine Richtigstellung erwartet.
Und warum ist das Preisniveau in Schweden so viel niedriger?
Der Vergleich hat bei den Pharmafirmen nur Schmunzeln ausgelöst, denn die Erstattungssysteme sind schwer vergleichbar. Die Schweden haben auch mehr gesunde Lebensjahre, weil mehr in der Prävention gemacht wird und daher weniger Medikamente verschrieben werden.
Es sind vor allem einige wenige hochpreisige Medikamente, die den Kassen viel kosten. Warum gibt es hier kein Entgegenkommen?
Die Produkte kosten deshalb so viel, weil da milliardenschwere Entwicklungskosten auf eine relativ kleine Patientenpopulation treffen. Österreichs Sozialversicherung hat das Bestreben, dass der Patient vollumfassend mit Medikamenten versorgt wird. Das hat eben seinen Preis. Sollte sich das Prinzip ändern, wird es diese Präparate verstärkt nur noch auf dem Privatmarkt geben.
Der Report hatte offenbar die Intention, die Pharmaindustrie zu Preissenkungen zu bewegen…
Die leisten wir schon mit den Rabatten. Wäre man an einem vollständigen Bild interessiert, hätte man die Einnahmenkurve der Sozialversicherung der Ausgabenkurve für Medikamente gegenübergestellt. Da zeigt sich, dass die Einnahmen stärker gestiegen sind als die Ausgaben. Die Medikamentenausgaben sind im Übrigen seit 2013 …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



