
Maskierte Männer, die durch Dover spazieren, „Christ is king!“ rufen und den Hafen stundenlang blockieren. Echauffierte Briten, die in Portsmouth, Seenotretter am Anlegen hindern möchten. Eine Cricket-Team aus Pakistan, das die Polizei ins Hotel rufen muss, weil Protestierende sie für Asylwerbern hielten. Ein Seenotretter, der derart bedroht wird, dass die zuständige NGO ihren Mitgliedern empfehlen muss, ihr Logo nicht mehr öffentlich zu tragen.
Mit Sorge beobachten Experten die neueste Entwicklung in Großbritannien. „Es handelt sich bei der neuen Bewegung um eine radikalere, eine provokantere Ausprägung des rechtsextremen Spektrums“, sagt Paul Jackson, Professor für Geschichte des Radikalismus und Extremismus an der University of Northampton. Im Zentrum steht die „Patriot Platform“ – für Extremismusforscher Matthew Feldmann ein „verbindendes Scharnier“ zwischen verschiedenen rechten Gruppierungen.
Kopf der Bewegung ist der 37-jährige Daniel „Tommo“ Thomas . „Zu lange“, erklärte er vor wenigen Tagen neuen Unterstützern im Nordwesten Englands, „sind wir die Straße entlangmarschiert, habe Fahnen geschwenkt und geglaubt, damit etwas retten zu können.“ Nun stehe etwas bevor, dass eine „verdammte Schockwelle“ auslösen wird.
Zwei Tage später folgte der erste Aufmarsch in Dover, tags darauf der Vorfall in Portsmouth.
Immer wieder Unruhen
Der Schutz des eigenen Landes trifft in Großbritannien auf einen besonderen Nährboden. „Wir beobachten seit einiger Zeit, dass Migranten auf entmenschlichende Weise behandelt werden“, sagt Jackson.
Erst im Frühsommer gab es Unruhen in Southampton und Belfast, bei denen Randalierer die Häuser von Immigranten ins Visier nahmen. Im August vor zwei Jahren hatte die Polizei landesweit die Mühe Ausschreitungen in den Griff zu bekommen, nachdem ein Teenager drei Mädchen in Southport tötete und die Falschmeldungen, wonach der Täter Asylwerber sei, Rechtsradikale auf die Straße trieb.
Die Gründe hinter der Unruhe sind für Jackson komplex. Sie haben mit dem Aufschwung rechtsradikaler Gruppierungen in anderen Ländern, vor allem in Amerika, zu tun und mit einem hohen Maß an Frustration, das sich durch britische Gesellschaftsschichten zieht. „Es herrscht bei vielen das Gefühl, dass versprochene Dinge nicht eingehalten werden. Dass da nur Stillstand ist.“
Dieser Frust trifft laut Feldman auf eine wachsende Gruppe an „Nativisten“: Manche seien anti-muslimisch, andere anti-migrantisch oder White Supremacist, aber alle davon überzeugt, dass Großbritannien den Briten gehöre.
„Trommelt alle zusammen, die ihr kennt!“, hört man Tommo auf dem verwackelten Video rufen, das er am Sonntag auf X hochlud, als er Richtung Portsmouth rannte. „Wenn wir jetzt keinen Aufstand machen, werden sie hier einfallen und eure Frauen und Kinder verschleppen.“
Politik der Emotionen
Für Jackson ein typischer Baustein des rechten Spektrums: Ein Phänomen wird zur existenziellen Gefahr hochstilisiert. Dass die Zahlen der Asylwerber heuer stark zurückging, bleibt unerwähnt. Dafür wird betont, dass illegale Einwanderer nun auf „Mega-Dinghies“ (großen Schlauchbooten, Anm.) ankommen. Es geht um eine „komplexe Politik der Emotionen“.
Und so sieht Jackson mehrere Parteien in der Pflicht. „Die Polizei muss diese Gruppen besser überwachen.“ Laut Guardian haben Anrainer bei Dover die Polizei Freitagabend über eintreffende Männer informiert, die „Muslime attackieren“ wollten.
Darüber hinaus müsse sich der Diskurs ändern. „Die politischen Parteien sollten keine abgeschwächten Version der rechten Parolen entwickeln, um die Wähler zu beschwichtigen, sondern ein differenziertes Verständnis der Situation vermitteln. “
Ähnlich sieht das Feldman. „Es braucht …read more
Source:: Kurier.at – Politik



