Niavarani: „Es gibt so wenige, die wissen, dass sie Trotteln sind“

Kultur

Es gibt kein humorzentriertes Haus in Wien mit ähnlich langer Geschichte wie das Kabarett Simpl. Seit 114 Jahren wird in der Wollzeile gespielt. Und es gibt sie noch immer: die Simpl Revue – jetzt mit drei (intensiv gecasteten) Neuzugängen: Daniela Lehner, Lilly Rottensteiner und Lukas Karzel. Weiterhin dabei sind bewährte Kräfte wie Jenny Frankl, Julian Loidl, Bernhard Murg – und Conférencier Joachim Brandl, der seine Conférencen neuerdings im benachbarten Lucky Punch Club von Michael Mittermeier ausprobiert.

Die künstlerischen Leiter des Simpl, Jenny Frankl und Michael Niavarani, sehen die kurzen Sketches in Zeiten von Tiktok & Co. zeitgemäßer denn je. Die neue Revue „Alles bleibt anders“ (offizielle Premiere am 15.10.) widmet sich einer Zeit, „in der sich viel verändert, aber viele Sachen dann auch nicht, obwohl sie sich verändern sollten“, wie Frankl sagt.

Beim Interview im Simpl wachen Porträts einstiger Größen über die beiden. Niavarani sagt: „Er (Martin Flossmann) freut sich immer wahnsinnig, er (Karl Farkas) schaut ein bissl kritisch und er (Ernst Waldbrunn) hat sooo Mitleid mit uns …“

KURIER: Was war die Idee zu „Alles bleibt anders“?

Michael Niavarani: Der Grundgedanke war, dass viele Veränderungen, die jetzt kommen, eigentlich eher ein Rückschritt sind. Das 20. Jahrhundert kommt zurück – mit Krieg, Nationalismus und Konservatismus. Das brauchen wir eigentlich gar nicht mehr. Aber ich glaube, das ist die menschliche Kondition, wir sind einfach so. Eine der ersten Komödien aus dem alten Griechenland heißt „Der Frieden“. Dieses Aristophanes-Stück gegen den Krieg ist 2.400 Jahre alt. 

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Es war also nie besser?

Niavarani: Diese menschlichen Grundprobleme führen dazu, dass wir immer glauben, dass früher alles besser, war. Das Gegenteil ist der Fall. Die Sehnsucht danach, dass alles so bleibt, kann man nur stillen, indem sich etwas ändert. Die Römer haben geglaubt, dass alles den Bach runtergeht, dabei waren sie am Höhepunkt ihrer Zivilisation und sind immer reicher geworden. Seneca hat geschrieben: Man kann sich kein Haus am See mehr leisten. Im Alten Rom hatten sie also schon solche Probleme. Das war unsere Grundidee zur Stimmung der Zeit. 

Die Revue wird in 20 „Fortschritten“ erzählt. Welche zum Beispiel? 

Niavarani: Ein Pärchen macht in der Türkei Urlaub und sie möchte unbedingt eine Schönheitsoperation vornehmen lassen. Der Mann sagt: „Schatzi, warum? dann schaut ihr ja alle gleich aus!“ Jennys Idee war: Wir leben in einer Zeit des extremen Individualismus. Jeder und jede besteht darauf, auf irgendetwas allergisch zu sein, und möchte so oder so gesehen werden und plötzlich wollen alle gleich aussehen.

Frankl: Das ist definitiv ein Rückschritt. Gibt es etwas Traurigeres, als dass alle das Gefühl haben, sie brauchen dieselbe Nase, dieselben Wangenknochen? Und wer hat das wem eingeredet? Wer bestimmt, was schön ist?

Niavarani: Wir haben auch kontroversielle Themen, zum Beispiel Dickpics. Jenny spielt einen Penis, der sich im Fotostudio elegant fotografieren lassen will. Viele junge Schauspielerinnen haben als Traumrolle die Julia in „Romeo und Julia“. Jenny wollte einen Penis spielen … (lacht)

Frankl: Wir nehmen damit Männer auf die Schaufel, die denken, das ist etwas Tolles, wenn sie ungefragt Geschlechtsteile herumschicken. Der Penis erklärt sich auch in der Nummer: „Also nein, nein, wir schreiben schon …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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