Gesundheitsexperte: „Was Doskozil da macht, gehört in die Rubrik Größenwahn“

Politik

KURIER: Herr Auer, als Sektionschef im Gesundheitsministerium haben Sie jahrzehntelang die Gesundheitspolitik mitgeprägt. Die so genannte Reformpartnerschaft hat nun Umbaupläne präsentiert, die manche als zu wenig mutig empfinden. Sie auch?

Clemens Martin Auer: Ich bewerte vieles von dem, was von der Politik im Juni vereinbart worden ist, als positiv. Der Grundzugang, die Spitäler zu entlasten und mehr von niedergelassenen Ärzten erledigen zu lassen, ist völlig richtig. Allerdings muss man jetzt darauf achten, dass alte Schwachstellen berücksichtigt werden.

Welche meinen Sie?

Die größte Schwachstelle im Gesundheitssystem ist meiner Ansicht nach das Zusammenspiel zwischen der Gesundheitskasse, also der Sozialversicherung, und der Ärztekammer.

Aber das sind doch zwei zentrale Player im System.

Und trotzdem ist es so. Die Schwäche des österreichischen Gesundheitssystems sind nicht unbedingt die Länder. Natürlich ist es ein Ärgernis, dass wir neun verschiedene Krankenanstalten-Gesetze haben. Das ändert aber nichts daran, dass es die Sozialversicherung in den vergangenen 20 Jahren nicht geschafft hat, die Versorgung im niedergelassenen Bereich so aufzustellen, dass ihre Versicherten zufrieden sind. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin ein Fan der Sozialversicherung, ich trage ihren Ehrenring. Aber die langen Wartezeiten, das Im-Kreis-Schicken von Patienten und vieles andere hätte die Sozialversicherung mit besseren Leistungsverträgen lösen können. Aber sie hat es management-mäßig leider nicht hinbekommen.

Das Gesundheitssystem müsste also nicht zwingend vereinfacht werden, würde die Sozialversicherung im Sinne der Versicherten besser verhandeln?

Die Sozialversicherung hat den gesetzlichen Auftrag zu schauen, dass der Herr Auer und der Herr Böhmer für die Kassenbeiträge, die sie beide leisten müssen, das bestmögliche Angebot bekommen. Viele Innovationen wie die Primärversorgungszentren oder die elektronische Gesundheitsakte ELGA sind nicht aus der Sozialversicherung heraus entstanden, sondern von der Politik gekommen.

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Und wenn die Leistung im niedergelassenen Bereich stimmt, gehen Patienten automatisch weniger oft ins teurere Spital?

Vielleicht nicht in der Großstadt, aber am Land ja. Wenn chronische Behandlungen, einfache Erstversorgung und Präventionsangebote im niedergelassenen Bereich passen, dann sind die Patienten gerne dort. Ein Beispiel: Die häufigste Klage, die man von Allgemeinärzten hört, ist, dass sie mehr Medizin machen wollen. Sie wollen Patienten behandeln. Trotzdem dürfen Allgemeinmediziner vieles nicht anbieten, was ihnen beim Behandeln helfen würde – man denke an ein kleines Labor oder einen Ultraschall. Würden diese Leistungen erlaubt und bezahlt, wäre allen geholfen.

Das heißt, die Bundesländer können sich ruhig weiter um die Spitäler kümmern?

Das, was der Herr Doskozil mit seiner spezialisierten Herzchirurgie in Oberwart macht, muss ich leider in die Rubrik Größenwahn einreihen. Er wird dort vermutlich nie die Fallzahlen schaffen, um qualitativ hochwertige Behandlungen hinzubekommen. Aber Oberwart ist die Ausnahme. Ja, wir haben noch immer zu viele Spitäler in Österreich. Aber wenn Sie sich die Zeit seit den frühen 2000er-Jahren ansehen, ist vieles passiert. Die Zahl der Betten hat dramatisch abgenommen, die Produktivität wurde gesteigert, die Verweildauer ist gesunken. Kurzum: Die Krankenhäuser – und damit die Länder – haben vieles richtig gemacht in den vergangenen zehn, 15 Jahren.

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Source:: Kurier.at – Politik

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