Zwei Kilometer zum Libanon: Im Norden Israels ist die Angst geblieben

Politik

Von Markus Ponweiser

Im Bus nach Kiryat Shmona werden die Zivilisten immer weniger, je weiter er nach Norden fährt. Dafür steigen Soldaten ein: junge Männer und Frauen mit schweren Rucksäcken, Uniformen und Gewehren.

Auch drei Jahre nach dem 7. Oktober ist der Krieg hier nicht verschwunden. Die israelische Armee hält weiterhin eine Sicherheitszone im libanesischen Grenzgebiet, um eine Rückkehr der Hisbollah zu verhindern.

Kiryat Shmona liegt nur zwei Kilometer vom Libanon entfernt. Vor dem Krieg lebten hier 25.000 Menschen. Im Oktober 2023 wurde die Stadt nach dem Raketenbeschuss der Hisbollah wie große Teile der Grenzregion evakuiert. Bis heute sind nur etwas weniger als zwei Drittel der Einwohner zurückgekehrt.

Vor vielen Geschäften sind die Rollläden heruntergelassen, Restaurants sind geschlossen, Spielplätze liegen leer. Rund 380 Gebäude wurden im Krieg beschädigt.

Überall stehen massive, überirdische Betonwürfel, die als primitive Schutzräume bei Raketenbeschuss aus dem Libanon dienen. Geöffnet haben vor allem kleine Greißler und einige wenige Bürogebäude.

Angst vor Hisbollah

Daniel arbeitet in einem dieser Büros. Der junge Web-Developer wohnt mit Frau und Kind in einem nahe gelegenen Kibbuz, seit 15 Jahren lebt er im Norden.

Früher habe er ohne Angst direkt an der Grenze gearbeitet, heute fährt er nicht mehr über den nördlichen Stadtrand von Kiryat Shmona hinaus. Zu groß ist die Angst vor der Hisbollah.

Die Stadt gilt traditionell als Hochburg des Likud, der bei der vergangenen Parlamentswahl rund 50 Prozent der Stimmen erhielt. Daniel rechnet bei der kommenden Wahl am 27. Oktober mit Verlusten für Netanjahus Partei: Die Unzufriedenheit sei groß. Dennoch werde ein Teil der Wählerschaft Netanjahu trotz der Verantwortung für den 7. Oktober, die ihm viele zuschreiben, und der Verwüstung im Norden treu bleiben. Gerade nach einem Trauma scheuten viele Menschen Veränderung und Ungewissheit: „Bei Netanjahu wissen sie zumindest, was sie bekommen.“

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Daniels Kritik geht weiter, der Norden habe sich schon vor dem Krieg abgehängt angefühlt: Gut bezahlte Jobs, wichtige Dienstleistungen konzentrieren sich rund um Tel Aviv, die Verkehrsverbindungen sind schlechter. Über eine Zugstrecke bis Kiryat Shmona wird seit Jahren gesprochen – gekommen ist sie nicht.

Jetzt komme die Sicherheitsfrage hinzu. Politiker riefen die Menschen dazu auf, zurückzukehren und den Norden wieder aufzubauen, sagt Daniel. Doch ein überzeugendes Rezept dafür, wie das Leben hier sicher werden soll, sieht er nicht. „Man lebt im Norden und erleidet Raketenbeschuss und Explosionen – warum sollte man sich das antun?“

Sicherheitsfrage

Viele seiner Freunde seien längst Richtung Süden gezogen. Doch selbst wer mit der Situation im Norden hadert, kehrt Netanjahu nicht automatisch den Rücken.

Die Bankangestellte Liat hat bisher immer Likud und Netanjahu gewählt. Diesmal schwankt sie zwischen dem Likud und Jashar, der Partei des früheren Generalstabschefs Gadi Eisenkot, die in Umfragen der stärkste Konkurrenten des Likud ist.

Für den 7. Oktober trägt Netanjahu in Liats Augen eine Mitschuld. Trotzdem glaubt sie, dass er Israels Feinde am ehesten bekämpfen könne. Eisenkot sei zwar Generalstabschef der Armee gewesen, aber eben kein so erfahrener Politiker wie Netanjahu. An Wegziehen habe sie hingegen nie gedacht. „Dann hätten die Hisbollah, die Hamas und der Iran gewonnen“, sagt sie. Entscheidend sei, dass die israelische Armee ihre Stellungen im Libanon nicht aufgebe, solange die …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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