
Wenn die ganze Welt eine Bühne ist, wie wir von William Shakespeare wissen, dann ist auch das einst funktionstüchtige, aber nie in Betrieb genommene Atomkraftwerk in Zwentendorf eine solche. Zumal es dort eine echt imposante „Brennelementwechselbühne“ gibt.
Das „Institut für Medienarchäologie“ in St. Pölten, 2005 von Elisabeth Schimana gegründet, nutzte es am Wochenende, um sein 20-jähriges Bestehen zu feiern – mit einer Art Stationentheater der schrägen Töne.
Das IMA arbeitet an der Schnittstelle von Forschung und Vermittlung in Zusammenhang mit Akustik, Klangmaschinen und digitaler Musik. Bei „Gegen den Strom“ brachten sich Performer und Künstler mit ihren Darbietungen in einen allein schon faszinierenden, sehr kompetent wie unterhaltsam geführten Rundgang durch die Anlage ein. Die Handlung (Text von Klaudia Zotzmann-Koch) strotzt nicht vor Originalität: Ein Raumschiff ist auf seiner Reise durch die Zeit ins AKW gekracht. TIM, Verwandter von HAL (aus „2001: Odyssee im Weltraum“), reagiert nicht mehr. Und so macht sich das Team zu einer Erkundung auf.
Im AKW – als Zeitkapsel – sind die 1970er-Jahre quasi eingefroren. Und es wirkt im Inneren selbst wie ein Raumschiff: mit Röhren als Korridore und monströsen Schleusen. Es würde einen nicht wundern, wenn Offizierin Ellen Ripley (aus „Alien“, 1979 herausgekommen) um die Ecke böge.
Die IMA-Besatzung bekam man beim Parcours nie zu Gesicht, man hörte nur die Dialoge über die missliche Lage im „Raum-Zeit-Strudel“ aus dem Off, verarbeitet in den künstlerischen Beiträgen. Neben der „Kondensationskammer“ erklang ein krächzendes „Mayday, Mayday“ (von Sandro Nicolussi) als Dauerschleife einer Tonbandmaschine.
Weltall der Geräusche
Insgesamt wurde eine Ahnung von Zukunft generiert – zumeist, reichlich absurd, mit den Mitteln der analogen Welt. In der gewaltigen Turbinenhalle entlockte Reni Hofmüller einem alten Weltempfänger surrenden White Noise – und Starsky tauchte die gewaltige Szenerie mit dem händisch geführten Großbildprojektor in bizarre grafische Muster.
Bei besagter „Brennelementwechselbühne“ (mit Blick in den Reaktor), in der „Schaltwarte“ und anderswo gab es faszinierende Performances mit Theremin, Saxofon und Ziehharmonika (digitales Gerät kam aber auch zum Einsatz). Ganz klar: Ein Da capo ist dringend angeraten!
Source:: Kurier.at – Kultur



