
Christoph von dem Bussche ist Geschäftsführer des deutschen Fernleitungsbetreibers Gascade und Präsident von ENNOH, dem Verband der europäischen Wasserstoff-Netzbetreiber. Er hat mit dem KURIER über die Lage beim Netzausbau in Europa gesprochen.
KURIER: Europa kämpft momentan mit seiner Erdgasversorgung. Ist das Thema Wasserstoff dadurch in den Hintergrund gerückt?
Christoph von dem Bussche: Das ist eine Frage von „dringend“ und „wichtig“. Die Energieversorgung mit Gas ist natürlich dringend. Die Straße von Hormus bestimmt ganz stark die Tagespolitik. Das zeigt aber auch strategische Abhängigkeiten und motiviert dazu, sich eine langfristige Perspektive zu überlegen. Wie bekommen wir es in Europa hin, ein resilientes System zu entwickeln? Mit Wasserstoff haben wir einen neuen Energievektor, der die Vorteile von Strom und Gas vereint. Es ist ein molekülbehafteter Energieträger, der mit erneuerbarer Energie gut einsetzbar und CO₂-frei ist.
Geht der Ausbau von Wasserstoffnetzen schnell genug voran?
Für die Verteilung und Nutzung von Wasserstoff in Europa wäre es gut, rechtzeitig mit dem Aufbau der Infrastruktur anzufangen. Zehn Jahre sind schnell vorbei. Man muss sich überlegen, wie die Zukunft sein wird und wie man sich darauf vorbereitet. Jetzt ist die Stimmung eher bedeckt, aber es passiert schon viel. Überall kommen Projekte, Verbindungen zwischen Ländern werden aufgebaut. Der Hochlauf läuft, zwar nicht mit einem großen Hype, aber er läuft.
Woher soll denn der Wasserstoff künftig kommen?
Da wird es einen Mix geben. Vor allem sollte man europäische Quellen nutzen, etwa in Form von Photovoltaik in Spanien oder Windkraft in der Nordsee. Für Österreich wichtig ist der „South H₂ Corridor“. Der Wasserstoff soll dabei von Algerien über Italien nach Österreich und weiter Richtung Deutschland fließen. Importiert werden könnte auch von der Ukraine, da habe ich aber Zweifel, dass das zeitnah passiert.
Österreich hat die Algier-Erklärung für Importe aus Nordafrika unterzeichnet. Wie schnell kann dort Wasserstoff produziert werden?
Das ist eher eine politische als eine technische Frage. Elektrolyseure und Pipelines lassen sich vergleichsweise schnell bauen. Es braucht nur ein politisches Bekenntnis von allen beteiligten Staaten. Die Erklärung ist ein wichtiger erster Schritt.
Was trägt ENNOH zum Aufbau von Wasserstoffnetzen in Europa bei?
Wir haben hauptsächlich eine koordinierende Aufgabe. Bei ENNOH sind alle europäischen Wasserstoffnetzbetreiber vertreten, aus 26 Ländern. Nur Malta nicht, die haben kein Gasnetz. Wenn ich ein neues Energiesystem aufbaue, muss das von Anfang an europäisch geplant werden, damit es keine Probleme an den Grenzen gibt. Bei Gas sind einheitliche Regelungen wichtig, und Transparenz.
Wie erfolgreich schreitet denn das Umwidmen von Gas- zu Wasserstoffleitungen voran?
Ich würde sagen gut, zumindest aus deutscher Perspektive. Bei Gascade haben wir im letzten Jahr 400 Kilometer umgewidmet. Das ist sehr kosteneffizient, denn es gibt die Pipelines schon, man muss sie nicht neu bauen. Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist dadurch auch höher.
Wie beurteilen Sie die Rahmenbedingungen für Wasserstoff in Österreich?
Ich glaube, der Wille ist schon vorhanden, aber der gesetzliche Rahmen fehlt. Europäisch ist das schon vorskizziert, über das Netzpaket. Das hätte bis August 2026 in allen EU-Ländern umgesetzt werden müssen. Gelungen ist das in keinem. Dabei macht es für Österreich Sinn voranzugehen. Das Land hat immer noch eine Drehscheibenfunktion für Erdgas. Von Wasserstoff könnte Österreich ähnlich …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



