
Als Oz Davidian die Männer sah, rief er ihnen zu: „Habt Ihr Verletzte?“ Eine Antwort bekam er nicht. Stattdessen schnappte er einen Satz auf. Auf arabisch: „Sie sind alle tot.“ Wie einen Stromstoß durchfuhr es seinen Kopf. Terroristen. In Sanitätsuniformen der israelischen Armee gekleidete Hamas-Kämpfer. Und noch ehe der 50-jährige Israeli in seinem Pick-up den Retourgang eingelegt hatte und mit Vollgas rückwärts im Slalom zwischen den auf der Straße liegenden Leichen hindurchlavierte, wurde schon auf ihn geschossen.
Genau drei Jahre danach zückt Oz Davidian im Gespräch mit dem KURIER sein Handy. Zeigt die damaligen, lebensgefährlichen Aufnahmen seiner Dash-Cam vom Auto: Arabische Rufe sind zu hören, Schüsse, Schreie. Zu sehen: Rauchschwaden hinter den Autos der Terroristen, leblose Körper auf dem Asphalt.
Und dennoch fuhr der vierfache Vater an jenem 7. Oktober vor drei Jahren immer wieder hinein, mitten ins Kampfgebiet des Nova Musikfestivals in der israelischen Negevwüste, das die Terroristen zu einem regelrechten Schlachtfeld verwandelt hatten.
364 junge Menschen wurden an diesem Tag beim Musik-Festival getötet, verbrannt, von Granaten zerfetzt, erschossen, Frauen vergewaltigt, Dutzende Feiernde in den Gazastreifen entführt. Es hatte viele tödliche Stunden lang gedauert, ehe das Militär das Festivalgebiet erreichte. Da war der frühere Landwirt, der sich erst spät zu einem Jusstudium entschlossen hatte, schon lange unter Todesgefahr auf dem Gelände unterwegs. Holte ein ums andere Mal junge Frauen und Männer, Jugendliche, manche fast noch Kinder aus der Todeszone heraus.
Immer wieder von den Terroristen beschossen
Insgesamt 15 Mal fuhr er auf das Festivalgelände. „Manchmal habe ich bis zu 17 von den Kids in meinen Pick-up gequetscht und rausgebracht.“ 120 Menschen hat Oz Davidian so das Leben gerettet.
„Mein Glück war“, sagt er, „dass ich das Gelände kenne.“ Der frühere Landwirt hatte lange in der nächsten Umgebung seinen Hof bewirtschaftet. Deshalb raste Davidian zunächst unbeobachtet einfach durch die Felder, „auf den Straßen waren überall schon die Terroristen“, erinnert er sich. „Mein Glück war auch, dass der Pick-up dieselbe Farbe hatte und von derselben Marke war, wie ihn die Terroristen hatten. Sie haben mich also oft nicht erkannt und mich für einen von ihnen gehalten.“
Dennoch wurde er wieder und wieder beschossen. „Es war furchtbar“, sagt Oz und wischt sich über das Gesicht, „wenn auf dich geschossen wird. Aber diese jungen Leute waren alleine da draußen. Ich wollte sie nicht allein lassen.“
Immer wieder holt er weit mit seinen Armen aus, wenn er erzählt, der Mann, der für seine unerschrockene Hilfe in Israel zu einem Helden wurde. Wenn er schildert, dass er überhaupt nicht nachgedacht habe und mit seinem Pick-up sofort losgerast war, nachdem er die WhatsApp-Nachricht seiner Schwester erhalten habe:
„Ich habe keine Sekunde überlegt“
Ihrem Mann, der gerade kurz nach Sonnenaufgang die Kühe gemolken habe, seien Dutzende völlig entsetzte Jugendliche entgegengelaufen: Terroristen hätten das Festival überfallen, weinten sie, jeden getötet, den sie vor ihre Gewehre bekamen. „Ich habe keine Sekunde überlegt“, sagte Oz Davidian, „und ja, ich habe gewusst, dass es gefährlich ist.“
Gleich bei der ersten Fahrt holte er durch das Gelände abseits der Straßen rennende Jugendliche in sein Auto – und brachte sie in Sicherheit. Die wiederum …read more
Source:: Kurier.at – Politik



