Meinungsfreiheit für Hasspostings: Facebook-Film „The Social Reckoning“

Kultur

Es beginnt mit einem Prolog: Weiße Frau. Sturzbetrunken.

Zu sehen ist eine weiße Frau –  blond, lange Haare,  sturzbetrunken –, die am nächtlichen Straßenrand steht und auf die Pannenhilfe wartet. Ihr Auto ist gerade abgekratzt. Eine Polizeistreife fährt vorbei und fragt nach den Umständen. Freundlich, unaufgeregt. Die weiße Frau, sturzbetrunken, beantwortet jede Frage mit einer Frechheit, reißt schließlich das Handy aus ihrer Handtasche und filmt sich dabei, wie sie die beiden Polizisten wüst rassistisch beschimpft. Dann stellt sie ihr Hassvideo ins Internet.

Ende des Prologs. 

Und schon ist man mittendrin in „The Social Reckoning“, Aaron Sorkins rederasantem Mediendrama, in dem auf der Besetzungsliste The Wall Street Journal  als erster Hauptdarsteller genannt wird. „The Social Reckoning“, zu deutsch: „Die soziale Abrechnung“ ist  keine Fortsetzung von „The Social Network“, aber ein weiterer Film über Facebook. Anstelle von  Facebook-Gründer Mark Zuckerberg steht die Whistleblowerin Frances Haugen im Mittelpunkt. Sie war  es, die als Mitarbeiterin von Facebook im Jahr 2021 Zehntausende geheime Dokumente – die sogenannten Facebook Files – u. a. an das Wall Street Journal  leakte und bewies, dass Facebook wissentlich Firmenprofit  über das Wohl seiner Nutzer stellt.

Der Tech-Konzern richtet beispielsweise seinen Algorithmus so ein, dass gezielt Hasspostings – wie das der fluchenden Frau – bevorzugt verbreitet werden, weil sie für mehr Verweildauer und Werbeeinnahmen  sorgten. Ganz zu schweigen von Falschmeldungen und Desinformationen, die sich Facebook weigert, zu regulieren („Zensur!“) und die Extremismen befeuern – und in Sorkins Engführung   im Sturm aufs Kapitol gipfeln. 

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Bitte lächeln!

Irgendwie weiß man das alles oder ahnt es zumindest, doch  unter der führenden Feder des Regisseurs sitzt man  gebannt in nicht nur einem, sondern gleich zwei packend inszenierten Kammerspielen, die er kunstvoll zu einem spannenden Aufdeckungsthriller verschachtelt.

Bereits für sein Drehbuch für „The Social Network“, verfilmt von  David Fincher  mit Jesse Eisenberg als  Mark Zuckerberg, erhielt Sorkin einen Oscar. Anstelle von  Eisenberg übernahm nun „Succession“-Star Jeremy Strong die Rolle des Facebook-Gründers. Dem sieht er zwar – abgesehen von der rötlichen Matte – wenig ähnlich, dafür beherrscht er  dessen stocksteife Körperhaltung punktgenau. An der muss gearbeitet werden, denn sie kommt  unsympathisch rüber: „Ein wenig lächeln, bitte“, sagt die Krisenmanagerin zu Mark Zuckerberg, der sich  2021 auf ein Hearing vor dem Kongress vorbereiten muss. Dort muss er sich   jenen Vorwürfen stellen, die die Whistleblowerin   dem Journalisten Jeff Horwitz vom Wall Street Journal gesteckt hat.

Zeitgleich dazu montiert  Sorkin in Parallelmontage jene Ereignisse, die zu der Anhörung führen: Die Frustration der Facebook-Mitarbeiterin,  ihre Zweifel und ihre Kontaktaufnahme mit  Horwitz.

Aaron Sorkin ist ein Mann der alten Schule und glaubt – manchmal mit Hang zur Überdeutlichkeit  –  an die emanzipatorische Kraft des besseren Arguments. Zu den Highlights in seiner Sprecharena zählen nicht nur   die streckenweise  sehr witzigen Wortduelle – oft im Affentempo vorgetragen–, sondern auch ein exquisites Schauspiel-Ensemble.  Mickey Madison, Oscar ausgezeichnet für ihre Rolle als exaltierte Stripperin „Anora“, zeigt  sich als Whistleblowerin verschlossen und einzelgängerisch. Im Duett mit  „Bear“-Star Jeremy Allen White, der ihr  als Journalist Jeff die Infos herauskitzelt, entwickelt sie  vergnügliche  Screwball-Komik.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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