Emma Clines „In die Schweiz“: Über das selbst gewählte Ende

Kultur

David Hastings hat immer Wert darauf gelegt, gut gekleidet zu sein. Die ersten Hemden ließ er sich mit zwanzig schneidern. Er trug Maßanzüge, Kaschmirpullover, feine Budapester. Die Zeit der Schnürschuhe ist jetzt vorbei. Er trägt jetzt Schlüpfer. Schuhe zubinden schafft er nicht mehr.

David Hastings ist dabei, den Verstand zu verlieren. Wie eine Eisscholle breitet sich weißer Raum in seinem Gehirn aus. Bevor er endgültig verblödet, will er freiwillig abtreten. Er reist mit seinem Assistenten in die Schweiz, wo er in einem Zürcher Hotelzimmer ein Medikament einnehmen und sterben wird. Sein feiner, dunkelblauer Mantel wird zurückbleiben, ebenso die gutgebügelten, nach seinen Maßen gefertigten Hemden. Und nichts, das einmal wichtig war, wird mehr eine Rolle spielen.

Selbst gewähltes Ende

„In die Schweiz“ heißt der neue Roman der kalifornischen Schriftstellerin Emma Cline, die 2016 mit „The Girls“ einen tollen Debütroman über die Frauen um Sektenführer Charles Manson vorlegte. 2023 begeisterte sie mit „Die Einladung“. Eine leise, unheimliche Geschichte über eine Herbergssuchende, die sich unter die Betuchten von Long Island schummelt. Im Zentrum ihres neuen Romans steht nun einer dieser Betuchten selbst. Doch kein Privatjet, kein Kaschmirmantel kann ihn retten. David Hastings Ende ist von Beginn an klar und trotzdem gelingt es Emma Cline, eine Spannung aufrechtzuerhalten, als läse man hier einen Krimi. Denn natürlich fragt man sich, ob David Hastings sein selbst gewähltes Todesdatum doch noch ändert.

Zu den Symptomen seiner Krankheit gehören immer wieder auftretende Verdächtigungen anderer, die man als Leserin allmählich auch teilt. Will sich Hastings’ Assistent etwa tatsächlich einen Teil von Davids Vermögens unter den Nagel reißen? Hastings letzte Reise führt über einen Zwischenstopp in London, wo er seine Tochter noch einmal sehen will. Sie weiß nichts von seinen Plänen, auch nicht von seiner Krankheit und registriert sein merkwürdiges Verhalten als übliche Spinnereien. Einzig Hastings’ Enkel scheint ihn zu durchschauen. Und tatsächlich wird er auch selbst immer mehr zum Kind. An sich ein häufiges Phänomen des Alterns. Was gestern war, versinkt im Nebel. Die Bilder aus unserer Kindheit und Jugend aber scheinen nicht zu verblassen. Die Erinnerung an die Oblate, die während der Freitagmorgenmesse am Backenzahn des Volksschülers klebte, ist klarer als jene an seine aktuelle Adresse. Seit geraumer Zeit hat er immer einen Zettel mit seiner eigenen Anschrift und Telefonnummer dabei. Doch bald wird er nicht mehr wissen, wo der Zettel ist und wenn er ihn findet, wird er mit den Begriffen darauf nichts mehr anfangen können.

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Noch ist es nicht so weit. Sein Verfall ist unausweichlich, die Umstände aber halten einen bis zuletzt in Atem. Ein Unrecht, das David glaubt, an seinem Jugendfreund begangen zu haben, verfolgt ihn bis zur letzten Minute. Die Frage, ob es ihm gelingen wird, vor seinem Abtreten Abbitte zu leisten, bewegt noch auf den letzten Seiten.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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