Island vor historischem Referendum: Die EU-Frage spaltet die Insel

Politik

Vier Mal stößt der Buckelwal eine beeindruckende Atemfontäne aus. Dann hebt das Tier seine mächtige Schwanzflosse aus dem Wasser – und taucht ab. Über der Bucht von Faxaflói geht langsam die Sonne unter, auf den Ausflugsbooten bleiben die Kameras gezückt. In wenigen Minuten, so erklärt Oskar, der täglich vom Hafen in Reykjavík hinausfährt, wiederholt sich das Schauspiel. „Das Besondere an den Gewässern rund um Island ist, wie nährstoff- und fischreich sie sind“, sagt er.

Dieser Reichtum lockt viele Walarten an – und mit ihnen heute Touristen aus aller Welt. Seit Jahrhunderten ist er aber vor allem eines: die Lebensgrundlage der Menschen auf der Insel weit draußen im Nordatlantik. „Island hat sich von einem der ärmsten Länder Europas zu einem der reichsten entwickelt. Das Rückgrat war die Fischerei“, erzählt Heiðrún Lind Marteinsdóttir. Die Geschäftsführerin des isländischen Fischereiunternehmerverbands empfängt den KURIER in ihrem Büro an der Uferpromenade Reykjavíks.

Drei Kriege haben die Isländer geführt, um ihr Einflussgebiet auf See auszuweiten. Heute machen Fischereiprodukte 40 Prozent der Warenexporte aus. Die Branche ist der größte Arbeitgeber des Landes, direkt trägt sie sieben, indirekt bis zu 15 Prozent zum BIP bei. Seit Fangquoten eingeführt wurden, sei das System auch nachhaltig, erklärt die Vertreterin. Kurz: Die Fischerei gilt hier als große Erfolgsgeschichte. Nun könnte sie – je nachdem mit wem man spricht – um ein Kapitel ergänzt werden. Oder vor dem Ende stehen.

Denn: Bis 29. August stimmen die Isländer darüber ab, ob die Beitrittsgespräche mit der Europäischen Union wiederaufgenommen werden sollen. Bereits jetzt ist Island über den EWR und Schengen eng an die EU gebunden. Ein erster Beitrittsanlauf nach der Finanzkrise von 2008 wurde nach einem Regierungswechsel auf Eis gelegt. Nun wagt die sozialdemokratische Regierungschefin Kristrún Frostadóttir einen Neustart.

  Stadler über SPÖ: „Zeit, dass wir in die Hände spucken“

Fischer und Landwirte

Damals wie heute ist die Fischerei der größte Knackpunkt. „Wir wollen die Kontrolle nicht nach Brüssel verlagern – darüber, wie viel wir fischen dürfen, wo, wie und wann“, warnt Marteinsdóttir. Ähnlich groß sind die Sorgen in der Landwirtschaft. Der isländische Markt ist klein, das Klima harsch, die Kosten hoch, fasst Margrét Gísladóttir, Geschäftsführerin des Verbands der isländischen Agrarunternehmen, zusammen. Der Sektor wird durch hohe Subventionen und Zölle geschützt und ist vom EWR-Vertrag weitgehend ausgeschlossen. Ein EU-Beitritt hätte „katastrophale“ Folgen, ist sie sicher.

EU-Befürworter halten dagegen: Wegfallende Zölle könnten etwa die Lebensmittelpreise auf der teuren Insel senken und den Wettbewerb beleben. Vor allem aber hoffen viele hier auf ein Ende der kleinen volatilen Landeswährung. Orri Freyr Rúnarsson, der an diesem Tag in einem Infozentrum sitzt, wird deshalb mit Ja stimmen. „Die isländische Krone ist ein Sorgenkind.“ Hohe Inflation und Zinsen belasten die Menschen. „Die Einführung des Euro wäre der größte Vorteil eines EU-Beitritts.“ Seit der Grönlandkrise, in der US-Präsident Donald Trump mehrfach versehentlich von Island sprach, spiele aber auch das Thema Sicherheit für ihn eine immer größere Rolle.

Wie die Abstimmung, die bereits seit Ende Juli läuft, ausgeht, ist völlig offen. Umfragen deuten auf ein äußerst knappes Ergebnis hin. Gesprächspartner beschreiben die Stimmung im Land als aufgeheizt, erzählen von tiefen Rissen, die das EU-Thema durch Familien und die Gesellschaft zieht. 

„Die Situation …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.